„Es wird nichts geschehen"
Was ein Zeitungsartikel von 1926 über das Scheitern internationaler Ordnung verrät — und warum die gleichen Probleme hundert Jahre später ungelöst sind
Am 21. März 1926, einem Sonntag, erscheint in der Berliner Börsen-Zeitung ein langer Artikel des Jenaer Rechtsprofessors Heinrich Gerland. Der Titel: „Der Geist von Locarno und der Geist von Genf". Gerland rechnet darin mit der deutschen Außenpolitik ab — und mit dem Völkerbund, der gerade sein größtes Fiasko erlebt hat.
„Das Spiel von Genf ist aus. [...] Denn ein schmählicheres Fiasko, wie es die gegenwärtige Außenpolitik Deutschlands, die sogenannte Locarnopolitik, erlitten hat, hat deutsche Außenpolitik kaum je erlebt."

Zwei Wochen zuvor war die deutsche Delegation nach Genf gereist, um Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund zu vollziehen — den krönenden Abschluss der Locarno-Verträge von 1925. Sie kehrte mit leeren Händen zurück. Gerlands Diagnose ist vernichtend, sein Schluss radikal: „Los von Genf!"
Hundert Jahre später liest sich der Text, als beschriebe er eine andere Variante derselben Krise. Die Institutionen heißen anders, die Akteure haben gewechselt. Die Strukturprobleme sind geblieben.
Was in Genf geschah
Im Oktober 1925 hatte Deutschland in Locarno die Verträge unterzeichnet, die eine Entspannung mit den Westmächten einleiten sollten. Teil der Vereinbarung: Deutschland tritt dem Völkerbund bei und erhält einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat. Als die deutsche Delegation im März 1926 nach Genf reiste, eskalierte die Lage.
Frankreich hatte hinter Deutschlands Rücken Polen einen Ratssitz versprochen. Der französische Außenminister Aristide Briand wollte Deutschlands Einfluss im Rat von vornherein neutralisieren. Gerland formuliert das so:
„Briand, der Deutschlands eventuellen Einfluß im Völkerbundsrat paralysieren wollte, versprach Polen einen neuen Ratssitz, den es mit Deutschland zugleich erhalten sollte. Chamberlain trat dem bei."
Zusätzlich forderten Brasilien und Spanien ebenfalls ständige Sitze. Brasilien blockierte schließlich den gesamten Aufnahmeprozess. Die Verhandlungen wurden vertagt. Deutschland kehrte ohne Ergebnis nach Berlin zurück.
Gerland sieht darin den Beweis, dass die ganze Locarno-Diplomatie auf Illusionen gebaut war:
„Der Geist von Locarno war, soweit wir Deutschen nicht in Betracht kommen, ein Geist niedrigster Intrigen und Unwahrhaftigkeit."
Der Beitritt gelang schließlich ein halbes Jahr später, am 10. September 1926. Gustav Stresemann hielt bei dieser Gelegenheit seine berühmte Rede über Frieden und Verständigung. Aber der Schaden war angerichtet: Die Glaubwürdigkeit des Völkerbunds war beschädigt, die innenpolitische Opposition gegen Deutschlands multilaterale Einbindung gestärkt.
Wer war Heinrich Gerland?
Heinrich Ernst Karl Balthasar Gerland (1874–1944) war Professor für Straf- und Prozessrecht an der Universität Jena, wo er ab 1910 ordentlicher Professor war und 1925/26 als Rektor amtierte. Politisch gehörte er zunächst der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an, für die er 1924 im Reichstag saß. Noch im selben Jahr wechselte er zur weiter rechts stehenden Deutschen Volkspartei (DVP) — ausgerechnet der Partei Gustav Stresemanns, dessen Locarnopolitik er in diesem Artikel so scharf kritisiert.
Gerlands spätere Biografie gibt dem Text eine bittere Pointe. Nach 1933 wurde ihm politische Tätigkeit untersagt. Er schloss sich dem Widerstand an und war Mitglied der Neubauer-Poser-Gruppe, einem Netzwerk in Thüringen, das den Sturz des NS-Regimes vorbereitete. Gerland starb im Dezember 1944 in Jena, wenige Monate vor Kriegsende.
Der Mann, der 1926 „Los von Genf!" forderte, endete im Widerstand gegen genau das Regime, das aus der Verachtung internationaler Ordnung hervorgegangen war.
Der Völkerbund: das erste Experiment
Gerlands Wut richtete sich gegen eine Institution, die gerade einmal sechs Jahre alt war. Der Völkerbund war 1920 als Teil des Versailler Vertrags gegründet worden — Woodrow Wilsons Idee einer internationalen Organisation, die Krieg durch Kooperation ersetzen sollte.
Das Experiment war von Anfang an belastet. Der US-Senat verweigerte die Ratifikation; die USA, deren Präsident die Idee erdacht hatte, traten dem Völkerbund nie bei. Die Entscheidungsstruktur verlangte Einstimmigkeit im Rat. Durchsetzungsmechanismen gab es kaum.
Die Stationen des Scheiterns lesen sich wie ein Protokoll wachsender Ohnmacht: Japan besetzt 1931 die Mandschurei — der Völkerbund verurteilt den Angriff, Japan tritt aus. Italien überfällt 1935 Abessinien — die Sanktionen bleiben zahnlos, ein Ölembargo wird nie verhängt. Deutschland tritt 1933 unter Hitler aus. Die Sowjetunion wird 1939 nach dem Angriff auf Finnland ausgeschlossen.
Gerland schrieb 1926, dreizehn Jahre vor Kriegsausbruch:
„Im Ernstfall hält dies Spottgebilde eines Völkerbundes nicht eine Stunde aus, und der Frieden von Europa ist so wenig gesichert heute, wie er es vor 1914 war."
Er behielt recht. Keiner der Aggressionsakte der 1930er Jahre wurde durch den Völkerbund verhindert. 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Die Institution, die ihn verhindern sollte, war zu diesem Zeitpunkt faktisch tot.
Der zweite Versuch: Die Vereinten Nationen
Die Gründer der Vereinten Nationen kannten die Fehler des Völkerbunds. Die UN-Charta von 1945 war ein bewusster Gegenentwurf. Statt Einstimmigkeit galt im Sicherheitsrat das Mehrheitsprinzip. Die USA waren diesmal Gründungsmitglied. Kapitel VII der Charta gab dem Sicherheitsrat echte Durchsetzungskompetenzen: Sanktionen, Wirtschaftsblockaden, Militäreinsätze.
Der Preis dafür war das Vetorecht der fünf ständigen Mitglieder — USA, Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich, China. Die Logik dahinter war pragmatisch: Stalin hätte ohne Vetorecht nie zugestimmt. Die Rechnung lautete: Lieber eine Institution mit Großmächten, die manchmal blockiert wird, als eine ohne Großmächte, die immer machtlos ist.
Das war die Lehre aus dem Völkerbund. Und es war ein funktionierender Kompromiss — solange die Interessen der fünf Vetomächte nicht frontal kollidierten. Genau das ist heute der Fall.
Zwei Probleme, hundert Jahre alt
Durchsetzung
Der Völkerbund hatte keine Zähne. Die UN haben theoretisch Zähne — aber das Vetorecht zieht sie bei Bedarf. 2024 legten die ständigen Mitglieder acht Vetos gegen sieben Resolutionsentwürfe ein, die höchste Zahl seit 1986. Russland blockiert Resolutionen zur Ukraine, die USA blockieren Resolutionen zu Gaza.
Seit Gründung der UN hat Russland (einschließlich der Sowjetunion) 129 Mal sein Veto eingelegt, die USA 89 Mal — davon 51 Mal zum Schutz Israels. Diese Zahlen beschreiben kein Versagen im Einzelfall. Sie beschreiben ein Strukturproblem.
Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) illustriert die Lücke zwischen Anspruch und Durchsetzung. Im März 2023 erließ der ICC einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin, im November 2024 gegen Benjamin Netanyahu. Putin hat seither kein ICC-Mitgliedsland betreten — mit Ausnahme der Mongolei, die den Haftbefehl ignorierte. Netanyahu reiste nach Ungarn; Viktor Orbán empfing ihn und kündigte an, aus dem ICC auszutreten. Die USA, Russland, China, Indien und Israel erkennen den ICC nicht an. Die Trump-Administration hat ICC-Richter persönlich sanktioniert.
Es gibt keine übergeordnete Instanz, die multilaterale Beschlüsse durchsetzt. Das war 1926 so, als Brasilien im Alleingang den Völkerbund blockierte. Das ist 2026 so, wenn einzelne Vetomächte den Sicherheitsrat lahmlegen.
Legitimation
1926 ging es um die Frage: Wer darf im Rat sitzen? Deutschland verlangte einen ständigen Sitz, Frankreich wollte Polen dazuholen, Brasilien und Spanien forderten eigene Sitze. Der Streit um Repräsentation blockierte die Institution.
2026 hat sich an der Grundkonstellation wenig geändert. Der UN-Sicherheitsrat bildet die Welt von 1945 ab: Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs halten die ständigen Sitze. Afrika hat als ganzer Kontinent keinen. Indien, mit bald 1,5 Milliarden Einwohnern, hat keinen. Deutschland und Japan, drittgrößter und viertgrößter Beitragszahler der UN, haben keinen.
Seit 2009 wird über die Reform des Sicherheitsrats verhandelt. Im September 2024 verabschiedeten die UN-Mitgliedstaaten den „Pact for the Future" — laut offizieller Einschätzung „die stärkste Reformverpflichtung seit den 1960er Jahren", mit besonderem Fokus auf die Unterrepräsentation Afrikas. Passiert ist seither: nichts.
Die eigentlichen Probleme — Klima, Migration, KI-Regulierung, nukleare Proliferation — werden nicht im Sicherheitsrat gelöst, sondern in Ad-hoc-Formaten: G7, G20, bilaterale Deals zwischen Großmächten. Die Institution, die zuständig wäre, ist zu gelähmt, um zu handeln. Die Formate, die handeln, haben keine Legitimation.
Die falsche Lehre
Gerlands Forderung „Los von Genf!" war 1926 populär. Deutschland trat dem Völkerbund dann doch bei, verließ ihn 1933 unter Hitler, und dreizehn Jahre nach Gerlands Artikel begann der Zweite Weltkrieg. Der Rückzug aus den multilateralen Institutionen war keine Lösung. Er war Teil des Wegs in die Katastrophe.
Die gleiche Versuchung gibt es heute. Im Januar 2026 unterzeichnete US-Präsident Trump ein Memorandum zum Rückzug der USA aus 66 internationalen Organisationen — darunter 31 UN-Einrichtungen, das Klimarahmenabkommen UNFCCC, der Weltklimarat IPCC und der UN-Bevölkerungsfonds UNFPA. Die Begründung: Die Institutionen seien „wasteful, ineffective, or harmful". Die Logik ist die gleiche wie 1926: Es funktioniert nicht, also gehen wir.
Die Lehre aus hundert Jahren multilateraler Ordnungsversuche ist eine andere. Internationale Institutionen sind frustrierend, langsam, voller Blockaden und Hinterzimmer-Deals. Aber ihre Abwesenheit ist schlimmer. Das hat das 20. Jahrhundert zweimal bewiesen: einmal nach dem Scheitern des Völkerbunds, als kein Rahmen mehr existierte, der den Weg in den Krieg hätte bremsen können. Und einmal im Kalten Krieg, als die Existenz der UN zumindest einen Kommunikationskanal bot, der in den gefährlichsten Momenten — Kubakrise, Berlinkrise — den Unterschied machte.
Die richtige Lehre wäre: Die Institutionen müssen sich ändern. Aber sie ändern sich nicht, weil die, die vom Status quo profitieren, kein Interesse daran haben. Die fünf Vetomächte werden ihr Veto nicht abschaffen. Die Reformverhandlungen laufen seit Jahrzehnten ohne Ergebnis.
Das ist die Tragik, 1926 wie 2026.
„Es wird nichts geschehen"
So endet Gerlands Artikel. Er schreibt es als resignierte Prognose: Die Parteien werden den Mut nicht aufbringen, die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Die Außenpolitik wird weitermachen wie bisher. Innenpolitik wird Vorrang haben.
„Und so befürchte ich, daß die Frage nach dem, was geschehen wird, auch recht einfach zu beantworten ist. Es wird nichts geschehen."
Gerland hatte recht — und lag doch falsch. Es geschah sehr viel. Nur nicht das, was er sich erhofft hatte. Sieben Jahre später kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Dreizehn Jahre später begann der Krieg. Gerland selbst, der 1926 „Los von Genf!" gefordert hatte, kämpfte am Ende seines Lebens gegen genau das Regime, das diese Forderung in die Tat umgesetzt hatte.
Die Frage, die sein Text aufwirft, ist hundert Jahre alt und unbeantwortet: Wie baut man eine internationale Ordnung, die mächtig genug ist, um Regeln durchzusetzen, aber legitim genug, um von allen akzeptiert zu werden? Der Völkerbund hat es versucht und ist gescheitert. Die Vereinten Nationen haben es versucht und stecken fest. Eine dritte Chance wird es möglicherweise nicht geben.
Den vollständigen Originaltext von Prof. Heinrich Gerland — „Der Geist von Locarno und der Geist von Genf", Berliner Börsen-Zeitung, 21. März 1926 — gibt es hier als PDF zum Nachlesen.